MenschenMomente

Montag, 27. November 2006

Dampflokomotiventag

An einem Tag im Jahr fährt die Dampflokomotive hier vorbei. Im Schlepptau: alte Waggons, zuviele Menschen darin, die sich aus dem Fenster lehnen und mit weißen Taschentüchern winken.
An einem Tag im Jahr, fühlt man sich seltsam zeitlos. Sieht die Beigeisterung der Menschen, die glauben, mit einem technischen Wunderwerk zu fahren, die vergessen, was sie sich selbst und den anderen vorspielen. Die nicht mehr wissen, wie alt die Lokomative ist und wieviel Jahre zu jung sie sind, um glaubhaft zu erscheinen.
Mario steht auf der Terasse, er winkt und schreit, sobald man das Rattern hören kann. Er vergisst wieder Fotos zu machen, keiner erinnert ihn daran. Später, wird er neben mir stehen und sagen: Da waren zuviel Menschen in den Waggons. Heute würde das nicht mehr passieren.

Ich wünschte, ich hätte seine Weisheit.

Dienstag, 7. November 2006

Was weh tat

Das hast du nicht gewollt. sagst du. Das mit dem Krebs. Ehrlich. Das hast du nicht gewollt. Und dass es komisch ist, wegen einer Blutuntersuchung alles umkrempeln zu müssen. Wirklich, es tut dir leid.
Bald danach werden dir die Haare grau werden und ausfallen. Dafür musst du da in 10 Jahren nicht mehr durch, meinst du und lachst. Da küsse ich gerade deine Wange und lache nicht. Meine Mutter weint. Viel zu oft.
Es wird Sommer und du mähst den Rasen, gehst zu Großvaters Grab, seufzt. Du hast zehn Kilo zugenommen. Das ist wegen den Medikamenten. Dass du viel zu dick zum Sterben bist, sagst du. Auf deiner Stirn steht der Schweiß. Und die Angst.
Das Gras wächst und du kochst Suppe. Nimmst Tabletten und Kleider aus dem Schrank. Die nächste Therapie wird länger dauern. Das ist praktisch, meinst du, denn dann bist du näher bei uns. Die Frau bei dir im Zimmer stirbt nur Tage nachdem du eingeliefert wirst. Sie wurde verlegt, sagen wir dir. Da weinst du ein wenig und blickst uns an.
Wir vergessen Weihnachten und Silvester. Du küsst unsere Münder und streichst uns übers Haar. Deine zweite Perücke juckt zu sehr. An die Glatze haben wir uns längst gewöhnt. Kinder, murmelst du. Und dass du doch eine Katze haben wolltest. Und nicht deinen Namen auf dem Grabstein.
Sobald der Schnee weg ist, lässt du Platten und Kies auf das Grab legen. Denkst praktisch. Wir wohnen doch zu weit weg für die ganzen Blumen. Im Krankenhaus wartet ein Bett auf dich. Ist das denn besser, fragst du.
Das Bett bleibt nicht lange belegt. Dort können sie nichts mehr machen. Durch das Fenster im Pflegeheim könntest du die Weinberge sehen. Das war dein Wunsch, sagt die Klosterschwester. Und dass es dir schlecht geht. Mama weint an deinem Bett. Papa schweigt. Ich nehme deine Hand. Die ist so kalt, sagst du. Großmutter, es ist noch Winter, flüstere ich. Küsse deine Stirn. Es ist Sonntag und die Glocken läuten.
Es ist Donnerstag und du stirbst. Papa holt mich vom Bahnhof ab. Mama steht vorm Haus und weint.
Das hättest du sicher auch nicht gewollt.

Übrigens

Als du heute früh aufgestanden bist und ich dir sagte, dass ich zu müde sei um mitaufzustehen, da tat es mir leid im Nachhinein. Und ich wollte aufspringen und aus dem Fenster auf die Straße schreien, dass ich sogar Baguettes aufbacke und Tee mache, wenn du zurückkommst. Aber bis ich wirklich bereit dafür war, wärst du schon zu weit weggewesen und hättest dann wahrscheinlich nicht mal mehr Hunger auf Baguettes gehabt, deswegen blieb ich doch noch eine halbe Stunde liegen und dachte dabei daran, wie wir uns heute Abend wiedersehen und ich deinen Hals küssen werde, bis du lachst und wie du Schneebälle machen wirst, um sie dann doch an mir vorbeizuschießen.
Zum Frühstück ließ ich den Backofen kalt und trank Kakao.

Das wollte ich dir nur sagen.

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